December, 1998

ÄLTER, SCHÄRFER. SCHLAUER


Die Zeit - Dezember 1998
Hamburg, Germany
WIR PLANZEN MIKROCHIPS IN DEN KÖRPER, HABEN UNGEAHNTEN SEX UND KLONEN INTELLIGENTE HERMAPHRODITEN. PROPHEZEIT DER KANADISCHE ZUKUNFTSFORSCHER DR. TOMORROW. 
ILLUSTRATIONEN: STEPHEN CAMPBELL 
 
 
Wie sieht der Mensch der Zukunft aus? Vielleicht wird der Mann nicht das herrschende Geschlecht der Zukunft sein, deshalb sollte die Frage besser lauten: „Wie sieht die Frau der Zukunft aus?"

Die Dampfwalze des Wandels rollt gerade über unseren Planeten und wird Veränderungen mit sich bringen, wie wir sie uns nie hätten träumen lassen. Die Überlegung zur zukünftigen Geschlechterdominanz ist da nur eine von vielen.

Andere Möglichkeiten?

• Frauen könnten für das Kommunikationszeitalter und das, was danach kommt, besser ausgerüstet sein. Der Bedarf an Muskelfleisch nimmt ab, die Macht hat sich vom Bizeps in die Birne verlagert. Arbeit und Prestige für Männer nehmen folglich dramatisch ab.

• Männer sind immer auf Bildung und Erfahrung angewiesen, wenn sie Entscheidungen treffen, auch über die Zukunft. Dieses System
ist jetzt schon überholt.

• Frauen treffen Entscheidungen aufgrund ihrer Umgebung, aktueller Veränderungen und Intuition. Ich glaube, Frauen entscheiden schneller und genauer - sobald sie erkannt haben, daß sie dazu in der Lage sind.

Dies wiederum wird den Mann verändern. Zunächst spiegelt sich das m seinen Kleidern wider: Die werden farbenfroher. Dazu kommen bunte Acces-oires, helleres Haar, Körperlotionen, Parfüms. Irgendwann wird sich auch die körperliche Gestalt der Männer verändern, so wie auch Frauen in früheren Epochen ihre Körper verändert haben - oder zu verändern vorgaben -, als das Rollenverständnis noch andersherum war.

Für beide Geschlechter wird die Kleidung zweckmäßiger. Couturiers wie Olivier Lapidus in Paris dekorieren ihre Jacken bereits mit Solarzellen, die Wärme produzieren oder eingebauten Positionierungsgeräten Energie spenden (so weiß man immer, wo man sich gerade befindet) - oder mit Hilfe deren Stromerzeugung man jederzeit Faxe und E-Mails empfangen und verschicken kann.

Einige Geräte, die man in Form von Mikrochips in den Stoff einarbeitet, könnten ohne weiteres vom Stoff in den Körper transferiert werden, wo sie aus unserem körpereigenen Elektrosystem gespeist würden. Sobald die Chips klein genug sind (und das schon lange vor der eigentlichen nanotechnologischen Ära), wird so unser Energiebedarf wirklich auf ein Minimum reduziert.

Die Welt verändert sich immer schneller. Für viele Industrien ist es schon schwierig, vorherzusagen, was in einem Jahr sein wird, geschweige denn in 10, 100 oder 1000 Jahren. Alles, was über ein Wochenende hinausgeht, wird nur noch Spekulation und der Beweis dafür sein, daß unser Verstand nicht mehr mitkommt. Wenn sich unser Denken verändert, nützt es nichts mehr, dieselben Fragen zu stellen wie früher.

Und ein weiterer Wandel, noch umwälzender als alles Bisherige, macht sich vielleicht bald bemerkbar: Hermaphroditen (Menschen mit sowohl weiblichen wie auch männlichen Geschlechtsorganen) könnten sich entwickeln, da sie sowohl körperlich wie geistig ausgeglichener sein sollen. Man sagt, daß sie im Vergleich zu eingeschlechtlichen Menschen einen etwas höheren Intelligenzquotienten haben. Das könnte den Ausschlag geben, denn in der Evolution und beim Überlebenskampf braucht man keine riesigen Vorteile gegenüber einer ähnlichen Spezies, um von der schnelleren Anpassung an neue Bedingungen zu profitieren.

Aus diesen Veränderungen entwickeln sich neue Arten- Die menschliche Rasse ist nicht immun gegen die Gesetze der Natur. Falls sich diese dargestellte Möglichkeit der menschlichen Entwicklung eine sichere Nische schaffen kann, ist es wahrscheinlich, daß in einer sich rasch verändernden Welt schon dieser relativ geringe intellektuelle Vorsprung sich tatsächlich extrem auswirken würde. Falls dies geschieht, könnte eine große Gruppe geklönter, geistig überlegener Hermaphroditen von einem Gebiet der Welt aus - oder auch von mehreren - ihre Überlegenheit ausbauen. Singapur, das man schon jetzt „die intelligente Insel" nennt, könnte etwa beschließen, daß so eine Politik der vernünftigste Entwicklungsweg sei.

Durch das Klonen von Menschen könnten in kürzester Zeit auch Quan-tensprünge in der Bewußtseinsentwicklung zurückgelegt werden. Dies plus zusätzliches Wissen um Werte ergibt Weisheit. Und die neue Welt wird eher durch Weisheit als mit Bergen von Gold regiert werden können.

Unabhängig vom Kampf der Geschlechter werden in 30 Jahren wohl mehr Kinder außerhalb des Mutterleibs geboren werden. Biotechnologie, Genetik und Computer könnten Antworten geben, noch ehe uns die richtigen Fragen dazu eingefallen sind. Man betrachte doch nur die Entdeckungen der letzten paar lahre: das menschliche Genom, Fortschritte in der Raumfahrt oder die Fähigkeit, Mikrochips herzustellen, deren Gestalt man nur unter dem Mikroskop erkennen kann. Minimale Fortschritte bewirken beträchtliche Veränderungen, die schließtich zu gewaltigen Umwälzungen ruhren. So hat sich die menschliche Sexualität anders als bei den meisten Säugetieren schon sehr viel weiter entwickelt. Dabei darf man nicht vergessen, daß sich die DNA eines Schimpansen nur um zwei Prozent von der des Menschen unterscheidet! Körperlicher Sex könnte allerdings auf der Beliebtheitsskala sinken, nicht nur wegen Aids und anderer Geschlechtskrankheiten. Prostituierte wird es dann kaum noch geben. Der weltweit festzustellende
Rückgang männlicher Spermaproduktton ist vielleicht schon ein Vorbote solcher Entwicklungen.
 

Wenn der Cybersex etwa erst einmal richtig in Hamburg einschlägt, wird im Vergleich dazu Heroin wie Hustensaft erscheinen. Die Technologie dafür haben wir bereits. Nur müssen einige Systeme noch miteinander verbunden werden. Zu Steuerhandschuhen und Virtual-Reality-HeImen kommen dann enge Overalls, die das lebensechte Gefühl auf der Haut simulieren.

Die letzten Entwicklungen von MindDrive deuten nur an, was mit einem Computer allein durch Gehirnwellen schon gesteuert werden kann. Ein einfacher Gegenstand wie ein Fingerhut auf dem Zeigefinger kann dann beispielsweise mit entsprechender Software aufgeladen werden, die Sie spüren läßt, wie sich das neue Seidenkleid Ihrer Partnerin anfühlt, selbst wenn die gerade in Sydney weilt und Sie in Berlin sind - während Sie beide gleichzeitig durch die Kokosplantagen auf dem Mond mit den Skiern wedeln. (Das mag sich widersprüchlich anhören, aber im Cyberspace kennt die Phantasie keine Grenzen, und physikalische Gesetze gelten nicht.)

 

Dort genießen Sie die Abfahrt, diskutieren die Schönheit unseres Planeten Erde, wie er da so im All hängt, und kehren auf einen virtuellen Drink in Ihre virtuelle Villa zurück- Wenn Sie zärtlich über den Arm ihrer Geliebten streichen, so wird sie das spüren, wo immer sich ihr Körper auch befinden mag. Soviel zum Vorspiel, es folgt der ultimative Safer Sex. Cybersex könnte auch den Lebenden die bisherigen Exklusivrechte am Sex nehmen.

Drogen, die gute Laune machen, sind für niemanden neu, der nicht mehr in einer Höhle lebt. Evolution ist nicht bloß für Blumen und Bienen. Es gab sie schon immer, nur nicht so auffällig wie jetzt, wo sich die Entwicklungen rasend schnell abzeichnen.  StimmungsstimuUerer wird man vermehrt produzieren und ihren Wirkungsbereich beträchtlich erweitem. Es wird nicht nur bewußtseinsverändemde, sondern tatsächlich bewußtseinserweiternde intellektuelle „Kurse" geben, in denen den „Wissenden" katalytisch-photonische Mechanismen zur Verfügung stehen.
 
Wir werden immer länger leben, auch wenn neue Krankheiten jede neue Entwicklungsstufe begleiten werden. Das Wissen darüber, wohin wir gehen werden, gibt uns jedoch ein paar zukunftsweisende Anhaltspunkte, so daß wir uns darauf vorbereiten können. Mit Dingen, wie ich sie jetzt schon habe:

chirurgisch implantierten intraokularen (bionischen) Linsen, die meine sichere Erblindung verhindert haben. Meine Sehstärke beträgt nun 20/18, früher lag sie bei 20/300. Ich habe im Alter von 72 meine Fluglizenzen für Hubschrauber, Heißiuftballon und Flugzeug zurückbekommen. Viagra mag anderen helfen.

Winzige Implantate, die langfristig wirkende, sich allmählich auflösende Kapseln enthalten und erst nach Jahren ersetzt werden müssen, könnten sich schnell durchsetzen. So etwas wird jetzt schon für die Behandlung von Prostatakrebs eingesetzt. Es soll die Patienten so lange am Leben halten, daß sie eines natürlichen Todes sterben können, ohne von der Krankheit beeinträchtigt worden zu sein. Ähnliche Mittet wird man auch für viele andere Leiden entwickeln. Und keine Sorge, der Körper hat genügend Stauraum.

Essen und Trinken wird es weiterhin geben, aber eher als Unterhaltungsprogramm im Sinne von „leben, um zu essen" und nicht mehr als Überlebensstrategie „essen, um zu leben". Hydrokultur und Aerokultur zeigen, daß Bäume (wie zum Beispiel der 22 Jahre alte Feigenbaum in meinem Schlafzimmer) und Pflanzen keine Erde mehr benötigen, um zu gedeihen. Manche Biologen fangen in diesem Zusammenhang schon an, intensiv über den Menschen nachzudenken. Die Gentechnologie hat bereits das Gen isoliert, das ein Glühwürmchen zum Leuchten bringt, und es in Tabakpflanzen implantiert. Damit wäre die zuvor „unüberwindbare Barriere" zwischen Menschen", Tier-, Insekten- und Pflanzenwelt auch genommen. Theoretisch ist alles möglich.

Mit solchen Möglichkeiten wird aus dem „Wer lebt mit wem?" ein „Was lebt mit was?" Falls sich die Familien nicht ändern, so ändert sich aber ganz gewiß die Bedeutung dieses Wortes. Eine gute Idee für den richtigen Eintritt in das neue Jahrtausend ist bestimmt das Entsorgen alter Wörterbücher.

Kriege wird es weiterhin geben. Es ging dabei schon immer um Wirtschaft. Nur wird sich die entscheidende Munition der Zukunft in den Köpfen dieser Spielverderber befinden - und nicht mehr im Rohr einer Kanone. Räuber oder Spione von morgen ziehen weder eine Pistole, noch rufen sie: „Geld oder Leben!" Sie werden sagen: „Rück deine besten Ideen raus!"
 
Das, was sich hinter dem Begriff Arbeit verbirgt, hat sich schon so sehr verändert, daß ich das Wort nur noch selten in den Mund nehme. Für viele ist Arbeit heute schon eine Mischung aus Lernen, Produzieren und Spielen. Wenn man das bis jetzt noch nicht erkannt hat, darf man sich auf eine große Überraschung gefaßt machen. Die „Armen" und „Reichen" des industriellen Zeitalters werden ersetzt durch die „Wissenden" und „Unwissenden" von morgen. Seid bereit.

Einige Arbeitsplätze werden so sein wie meine eigene Cyberbude, ein Hausboot in einem Hafen, eine Skihütte oder andere seltsame Behausungen, denn radikale Lebensentwürfe werden neue und wilde Formen annehmen-Wenn das wertvollste Kapital im Kopf steckt, hält man sich am besten dort auf, wo man sich richtig wohl fühlt und kreativ sein kann.

Mein Hausboot legt fünf Kilometer im Jahr zurück, ohne sich wirklich fortzubewegen, denn es hebt und senkt sich viermal am Tag mit den Gezeiten, immer am Puls der Natur. Andere werden zu Neuen Nomaden, ständig umherziehend ohne einen Ort, den sie Heimat nennen. Sie tragen ihre „Büros" bei sich - malen Sie sich die Konsequenzen aus!

Die Transportmittel werden sich weiterentwickeln und noch sicherer, selbst wenn sie immer schneller, schnittiger, überraschender und komfortabler werden. Wir werden eines Tages im wahrsten Sinne des Wortes nach den Sternen greifen können. Das ist der Fortschritt.

Unsere Umwelt wird sich verbessern. Sie hat es ja schon getan. Das Erkennen eines Problems ist bereits seine halbe Lösung. Die Welt weiß, was wir unserem Planeten nur noch mit ernsthaften Konsequenzen zumuten können. Und jemand wird eine Idee entwickeln, wie wir ihn wieder sauber kriegen und uns diese mit einem tollen Virtual-Reality-Werbefeldzug verkaufen.

Das gilt auch für unsere Städte, und diese neuen Städte werden geprägt sein durch die Energie, die sie verbrauchen und produzieren. Menschliche Körperwärme könnte durch spezielle Vorrichtungen aufgefangen werden, auch der Lärm an den Autobahnen, von schallabsorbierenden Zäunen etwa, um diese Energien zu verwandeln und anderweitig zu nutzen. Etwa, indem man daraus praktisch umsonst Elektrizität gewinnt.

Was werden wir in unserer Freizeit tun? Denken Sie schon heute darüber nach, wie man diese 24 Stunden ausdehnen könnte. Zunächst würden diese 24 Zeitzonen, die wir auf der Welt haben, durch den Swatch-Takt ersetzt werden. Das wären 1000 Takte pro Tag. Jeder davon (für die Alten, die sich noch an jene heute geläufigen Meßeinheiten wie Minuten und Sekunden erinnern werden) hat eine Dauer von 86,4 Sekunden. Wer nicht weiß, was „Wir treffen uns um (Takt) 888" bedeutet, wird niemals in der Lage sein, ein Ferngespräch unter seiner alten Örtlichen Telefonnummer zu führen. Mit dem Swatch-Takt wird aus jedem Anruf auf diesem Planeten ein Ortsgespräch.

Und was die Printmedien betrifft: Die wird es alle in einem Paket geben, das Everybook heißt. Es kann alle Bücher (auch Zeitungen, Illustrierte, Flugblätter, Handbücher et cetera) der Welt in sich aufnehmen und sollte in zwei Jahren auf dem Markt sein. Das sind schon heute alles keine Träume mehr.

Lachen Sie nicht, ich habe die Pläne hierfür schon da: www.everybk.com

Und vergessen Sie nicht: Wenn Sie nicht Teil der Dampfwalze des Wandels werden, dann werden Sie Teil der Straße.

Der kanadische Zukunftsforscher Dr. Tomorrow alias Frank Ogden. 78. lebt auf einem Hausboot im Hafen von Vancouver. Der frühere Militär- und heutige Hobbypilot hat unter anderem zwei Bücher veröffentlicht: -The Last Book You'll Ever Read" und -Navigating in Cyberspace'. Die Illustrationen stammen vom amerikanischen Kunsttherapeuten und Illustrator Stephan Campbell. 32. der in New York lebt.



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